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Ein Tor zu schiessen, ist besser als ein Orgasmus
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ein Tor zu schiessen, ist besser als ein Orgasmus . . . wenn man sieht, wie sich manche Fussballer umarmen und küssen, könnte man schon auf
derartige Gedanken kommen."

derStandard.at

29. Mai 2004
18:46 MEZ Kahn-Bio: Nummer einsam
Der deutsche Goalie Oliver Kahn hat rechtzeitig zur Fußball-EM seine Memoiren geschrieben

Oliver Kahn wurde am Ende der abgelaufenen Saison zum Pannen-Olli.

Von Dante Andrea Franzetti

Beliebt ist er nicht. Ein Held ist er und ein Maulheld. Hart wie Kruppstahl und weich wie ein Gummibärchen. Die typisch deutsche Mischung aus Heldentum und Selbstmitleid. Der Mann im Tor, die "Nummer eins" - und gleichzeitig der zweijährige Bub, der "nicht gegen den Ball tritt, sondern den Ball in Händen hält". Da sinniert er rückblickend: "Ja, mit mir und dem Ball, das könnte mal was werden."

Es wurde was. Oli wurde zum besten Torhüter der Welt in einer ziemlich durchschnittlichen Mannschaft. Wenn die zehn Weicheier vorne ein Tor schießen, ist es Zufall; wenn der Hüter den Ball hält, ist es Kalkül, Übung, Konzentration.

So sieht Kahn die Welt. So sieht er den Kampf um den Ball. So schreibt er es hin. Die Welt ist alles, was der Ball ist. Oli hält den Ball und damit die Welt. Es ist kein Zufall, dass der Zweijährige auf dem ersten Fußballfoto einen Ball mit den Patschfingern umklammert, "auf dem alle Länder der Erde abgebildet waren". Torhüter wird man nicht, zum Torhüter wird man geboren. Selbst wenn man aus dem 1.FC Kaiserslautern davongejagt wird, weil man zu viel Speck hat. Selbst wenn man in der Jugendmannschaft verspottet wird, weil immer der Dickste und Dümmste im Tor steht, während die anderen dem Ball nachrennen, ihn treten und schießen.

Deshalb ist der Torhüter der wahre, der erniedrigte, der messianische, der erlösende Held. Nach dem Spiel gegen die Niederlande im Zuge der EM 2000, während dessen der italienische Torhüter Franceso Toldo mehr hielt, als möglich war, nannte man ihn "San Francesco". Mit blutender Nase spielte er so weiter im Final gegen die Franzosen und wurde besiegt. Die zögerliche Mannschaft war schuld. Aber Toldo war danach nicht mehr Italiens "Nummer eins". Der Goalie ist - mit Verlaub - immer das Arschloch.

Eine tragische Figur. Wenn er dann einmal ausrutscht, was Oliver Kahn in letzter Zeit öfters passierte; wenn der Ball ihm unter dem Ellbogen oderzwischen den Beinen ins Netz wegrollt, dann "schauen mich die Spieler meiner Mannschaft verzweifelt, empört oder nervös an. Aber nur kurz, dann wenden sie sich von mir ab . . ., sie laufen sogar von mir weg." Der Torhüter ist immer der Underdog.

Wenn sie da vorne im gegnerischen Strafraum jubeln und sich umarmen, weil einer das Runde endlich ins Eckige versenkt hat; wenn sie ihre Leiberln ausziehen und sich halb nackt am Boden übereinander wälzen, küssen, hätscheln - dann hat der Torhüter nichts davon. Er ist vierzig Meter entfernt. Er kann nicht mitjubeln. Kahn weiß, was dieser Liebesverzicht bedeutet: Vorne haben sie Sex, der Torhüter masturbiert. "Es gibt Fussballer, die sagen, ein Tor zu schiessen, ist besser als ein Orgasmus .. . wenn man sieht, wie sich manche Fussballer umarmen und küssen, könnte man schon auf derartige Gedanken kommen."

Oliver Kahns Büchlein, in dem bemerkenswerte Analysen und überraschende Einsichten zu finden sind, ist etwas zu langatmig geraten. Kahn, der studierte Betriebswirt, legt nicht seine Memoiren vor, sondern einen Essay über den traurigen Heroismus des einsamen Mannes im Tor.

Klug und originell sind seine Ausführungen zum Ball. Der ist nicht nur rund und holpert 90 Minuten über die Wiese - er ist das Liebes- und Hassobjekt des Hüters. Nur weg mit dem Ball! Über die Latte,

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