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"Groß und Klein" - Botho Strauß - Premiere 20.10.2002, Volkstheater Wien
Fragebogen/Test/Rat !!!

Botho Strauß hat eine detaillierte Kenntnis, die sonst nur Homosexuelle haben, hat einen mittlerweile halbwüchsigen Sohn, wie sein sonstiger Familienstand ist, ist mir nicht bekannt, der nicht funktionierenden weiblichen Sexualität, des nicht funktionierenden Beziehungslebens aus weiblicher Sicht.

Die Premiere, mit einer großartigen Andrea Eckert in der Hauptrolle, von einem Stück, das schlicht nur als "Schweinerei" bezeichnet werden kann.

Die Schweinerei liegt in der Darstellung der opfernden Ehefrau, die vom Ehemann verstossen wird, der die Bemutterung nicht länger erträgt, der als undankbares Schwein hingestellt wird, weil er diese Aufopferung der Frau nicht länger gewähren lässt.

Eine neben mir sitzende Dame der bürgerlichen Gesellschaft konnte sich stellvertretend für viele Frauen, mit dieser Frau identifizieren, ohne zu erkennen, dass genau das die Begründung dafür ist, warum Frauen anstatt Frauen zu sein die Opferrolle wählen.

Die Opferrolle ist sehr begehrenswert, da man als Opfer nicht für das Geschehen verantwortlich ist. Die Stelle an der die Darstellung der mehr oder minder üblichen Beziehungsdramen, zeigt, dass der "Partner" sich nicht anders zu helfen weiß, als sich der Beopferung durch Schläge zu entziehen, macht sie mit einem abrupten Aufrichten und Ton klar, dass sie geschlagen zu werden nicht akzeptiert, da sinkt der Mann augenblicklich emotionell zu Füssen.

Es könnte dieses Drama zeigen, dass die Emanzipationswelle durch Dartellung der Situation der Frauen als Opfer der Männerwelt genau das Gegenteil von Emanzipation erreicht.

Die Gesellschaft, die mit Geschlechtsreife, oft schon mit 11 / 12-Jahren, ebenso wenig umgehen kann, wie mit dem damit entstehenden Mutterinstinkt, der auf den Partner, im schlechtesten Fall auf Mutter und Vater umgeleitet wird, führt zu dieser Opferrolle, in dem junge Frau sich als fiktive Mutter für den Partner aufopfern.

Die Darbietung hat eine einfach-dynamische, therapeutische Wirkung für die Emanzipation der Hauptdarstellerin von dieser Rolle im realen Leben. Bei der Premierenfeier war es ein Vergnügen, diese strahlend als Frau zu erleben, die mit der Figur auf der Bühne, der aufopfernden, erniedrigten Frauen nichts zu tun hat.

Wenn die Dramaturgie im Programmheft schreibt, diese Frau scheitert in ihrer Naivität an der Kälte der Umwelt, dann ist das schlicht eine Verkennung des Stückes und der realen Situation. Die Frau scheitert nicht an der Kälte der Umgebung, sondern sie scheitert wie die Umgebung an der Geschlechtslosigkeit der Gesellschaft die Frauen zu Müttern und damit Opfern der Partner macht und damit an der Unfähigkeit , sich selbst zu lieben, ein Selbstwertgefühl und eine weibliche Sexualität zu leben.

Dieses Stück ist einer derartig drückenden Schwere inszeniert, dass man glauben könnte, es wurden beim derzeitigen Leiter des Schauspielhauses Zürich Anleihen genommen.

Der Aufführung ist nicht zu entnehmen, welche Position der Stückeschreiber, Botho Strauss, einnimmt und welche Position der Regisseur Frank Arnold einnimmt und ob diese überhaupt eine Position einnehmen. Vielleicht ist es gut, dass das Schauspiel im wahrsten Sinne des Wortes "ohne Wertung" nur beschreibt. Vielleicht ist damit die erkennende Wirkung nicht nur auf die Hauptdarstellerin beschränkt, sondern umfasst auch das Publikum.

Der Ehemann, dargestellt von Peter Gruber, ist geradezu erschreckend realistisch dargestellt, wie dies fast alle Nebenrollen sind. Vielleicht führt die Schweinerei des Stückes, die Opferrolle der Frau zu heroisieren, vielleicht gerade dazu, dass sie sich doch ins Positive verkehrt und damit die Schweinerei im Endergebnis keine Schweinerei ist.

Das Stück könnte eine Warnung für junge Frauen sein, nicht erst beim zweiten Mal, entgegen ihrer Wahrnehmung und ihrer Erfahrung, der Erfahrung ihrer Eltern, Tanten, Verwandten, Bekannten, sich nicht immer wieder in die Opferrolle begeben bis sich Männer diesen opfernden Frauen, gewöhnlich erst in der sogeannten Midlife-Crise entziehen können, oft mit dem Ergebnis für diese wieder sich mit einer opfernden Frau in einer Beziehung zu finden, wenngleich der Prozentsatz der Männer, die dann eine Frau haben um die sich bemühen können, entschieden größer ist als beim ersten Durchgang, nur das zeigt das Stück nicht.

Trotz Pancomedia, einem der letzten Stücke von Botho Strauß, in dem er explizit und detailliert den sexuellen Frust und das sexuelle Scheitern der Frauen, welches zwangsläufig auch zum persönlichen Scheitern, wie auch scheiternden Beziehungen führt, ist dieses Stück geradezu geschlechtslos und zeigt damit indirekt die wissenschaftlich erwiesene Realität, dass die Zweierbeziehung zur Asexualität, durch Absenkung des dafür notwendigen Hormons, Testosteron, bei Männern führt. Ob diese Opferrolle der Frau zur entgültigen, nicht nur psychischen, sondern auch biologischen Kastration des Mannes führen würde, wenn er sich nicht als undankbares Kind dem zu entziehen versucht, wobei ihm trotz der Aggressivität, die in diesem Stück schaudernd realistisch und zu recht verurteilend dargestellt wird, dies nur schwer möglich ist.

Eine großartige Schauspielerin, Andrea Eckert, mit einer großartigen Darbietung in einem Stück, dass ausschließlich davon lebt, dass der Zuseher zu einer eigenen Interpretation in der Lage ist.


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